Tom Müller

Was ist die Zukunft nicht?

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Arbeit an Europa e.V.

Die Idee der Gemeinschaft scheint an Überzeugungskraft zu verlieren, das erleben wir nicht zuletzt durch die anhaltenden Zweifel an der Europäischen Union, die uns fast schon zum Dauerzustand geworden sind. Dass darunter auch der europäische Geist leidet, wird nicht ohne Folgen bleiben. Je stärker wir Europa nur noch als administrativ-ökonomische Institution erleben, desto weiter entfernen wir uns von seinem kulturellen Kern. Deshalb ist es uns heute wichtiger denn je zu fragen: Was kann Europa bedeuten? Welche Ideen stehen dahinter, welche Geschichten wurden darüber erzählt, welchen Sinn kann es stiften? Und was steht auf dem Spiel, wenn wir die Anstrengung, uns seinem Wesen zu nähern, aufgeben?

Eine Gruppe von engagierten Zeitgenossen hat sich daher zusammengetan, um an »Europa zu arbeiten«. Dreimal im Jahr treffen wir uns ein Wochenende lang an einem europäischen Ort abseits der Metropolen, um alten Begriffen neuen Sinn zu geben, junge Europäer kennenzulernen und eine aussagekräftige Gegend zu besuchen. Es geht nicht um politische Pädagogik, es gibt kein klares programmatisches Ziel. Die Begegnung und das konzentrierte Gespräch, das Bedürfnis nach einem tieferen Verstehen und die heimliche Sehnsucht danach, Europa unsere Heimat zu nennen, ist es, was uns bindet. Wir wollen neue Töne und Farben finden, um das zu beschreiben, was uns als Ideal umgibt: Wir wollen »an Europa arbeiten«.

Mitglieder und Organisatoren der Gruppe »Arbeit an Europa«: Nora Bossong, Robert Eberhardt, Barbara von Gayling-Westphal, Jan Starmans, Simon Strauß, Sarah Bühler, Lisa Schulze, Tom Müller, Max Stange

Mehr wissen wollen: https://arbeitaneuropa.com

For the 7th time Arbeit an Europa initiated a workshop on a central concept of European thought across borders. In Amsterdam eight people developed what FUTURE could be: Kiza Magendane, Tamar de Waal, Simon Strauß, Anne-Marjin Epker, Tom Müller, Laurens Dassen, Katie Digan, Bastian Rijpkema. This trailer projects their imagination. (Produced by Prä|Position)

 
 

Read Parade 2019

Mit die beste Literaturveranstaltung der letzten drei Jahre. War schon ziemlich cool. Und ganz schön berlinig. (Juliane Noßack, Poesierausch)

Meine Rede zur Auftaktkundgebung der Read Parade Berlin am 09. Mai 2019

Meine Damen und Herren, junge Menschen,

herzlich willkommen zur ersten Berliner Read Parade. Mein Name ist Tom Müller, ich bin Verlagsleiter des Tropen Verlages, Autor und Initiator dieser Demonstration. Ich freue mich über jeden Einzelnen von euch und bin deshalb heute besonders froh, sagen zu können:

Ick bin een Berliner.

Wir sind hier um für mehr Literatur im gesellschaftlichen Raum einzutreten und das Lesen gemeinsam zu feiern.

Noch nie wurde in Deutschland so viel gelesen wie in den letzten Jahren.

Wir lesen noch schnell die Nachrichten auf Spiegel Online, bevor der Bus kommt, empören oder begeistern uns in der Kaffeepause über einen neuen Tweet, lesen Mails, lesen Mails, lesen Mails, checken noch im Gehen die Restaurantkritik und im Augenwinkel den Spruch auf der Werbetafel. Wir lesen immer, aber wir achten nicht darauf, was wir lesen und wann. Sobald wir wach sind, empfangen wir Text, aber wie viele Worte davon genießen wir auch? Mehr Information, weniger Fiktion, oder gar Poesie – das ist die Entwicklung und keine Kulturkritik. Was ich sagen will, ist: Die einzigen Grenzen, die wir schützen müssen, sind die zu unserer Gedankenwelt, nicht jeder Scheiß muss dort hineindürfen. Denn ich glaube daran, dass gute Literatur eine der wenigen Textformen ist, die die Gedankenwelt nicht verstopft, sondern erweitert, im Kopf eine neue Welt eröffnet.

Das ist, was wir tun können, aber es muss auch darum gehen, was die anderen tun, was im großen Ganzen geschieht und was geschehen sollte.  

6 Millionen Buch-Leser sind laut Börsenblatt in den letzten Jahren verloren gegangen. Wie begeistern wir die nächsten Generationen?

Wenn Ikea die Abbildung von Büchern in seinen Möbeln streicht, weil dort Bücher als nicht zielgruppengemäß gelten. Wenn in Lehrplänen, z. B. in Bayern, statt des Lesens von Romanen das Schauen der Verfilmung angeregt wird? Wie erobern wir die Sichtbarkeit zurück, die die Ladenflächen von Buchläden in den Innenstädten erzeugen und die weniger werden, weil die Mieten zu hoch sind und selbst die beiden größten Buchhandelsketten Thalia und Mayersche anfang des Jahres ihre Fusion bekannt gegeben haben. Wie kommen wir zum Lesen, wenn zu Hause der Knopf zum Start der nächsten Serie so viel näher zu liegen scheint als das Aufschlagen eines Buches?

Das Buch hat eine reduzierte Mehrwertsteuer und eine Preisbindung, die in der Welt der Waren einzigartig ist. Das Buch ist ein Zwitter aus Handelsware und Kunst. Die Politik hat diesen Status des Buches bestimmt. Im gesellschaftlichen Raum muss er gewahrt werden. Dazu braucht es Einfälle! Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihr Bruder immer ihre Spielsachen versteckt hat, und sie erst rausrückte, wenn sie das Buch, das er ihr gegeben hatte, zu Ende gelesen hatte. Er wollte eben unbedingt mit jemanden darüber sprechen. In den Niederlanden kann man während der Buchwoche die öffentlichen Verkehrsmittel frei benutzen, wenn man ein Buch bei sich hat. Wäre das nicht was für Berlin? Oder ein Abend im Berghain, an dem nur Leute reinkommen, die ein Gedicht aufsagen können.

Wie wichtig die Literatur ist, merkt man ja immer erst, wenn man in Not gerät. Wenn man festsitzt, in einer Jahresbilanzkonferenz, auf einer einsamen Insel oder im Stau auf der A2 und man keine Chance hat zu fliehen, nicht mal in Gedanken, weil man keine Worte weiß, die einem aus der Haut helfen.

Deshalb sind wir hier. Um der Literatur ihren Platz zu erstreiten. Und um zu lesen und lesen zu lassen. Sechs Autorinnen und Autoren sind mit dabei, die ich ganz herzlich begrüßen möchte: Nora Bossong, Jan Böttcher, Leona Stahlmann, Sybille Hein, Simon Strauß und David Wagner.

Wir werden auf unserer Route zwischendurch immer wieder anhalten, dann lesen sie ein Stück Literatur vor, das sie selbst sehr geprägt hat, das für sie als Leserinnen und Leser wichtig war. Unterwegs wird unsere DJ, die Filmemacherin Ava Irandoost, auflegen und dafür sorgen, dass wir Gehör finden und der Weg nicht zu lang wird. Und vielleicht gewinnen wir die Weintrinker am Kanal so noch als Leser. Ahoi, viel Spaß, ich springe ab. Wir fahren los.